Hörverlust und Gedächtnis: was die ACHIEVE-Studie zeigt
Die Redaktion von Martagon7 Min. Lesezeit

Unkorrigierter Hörverlust steht weit oben unter den beeinflussbaren Risikofaktoren, die die internationale Demenzkommission benennt. Offen blieb, ob seine Korrektur etwas ändert. Eine grosse Studie hat 2023 geantwortet — und die Antwort will bis zum Ende gelesen werden.
Was vor der Studie belegt war
Eine 2011 veröffentlichte Kohortenstudie begleitete Erwachsene, deren Gehör gemessen worden war, und beobachtete das Auftreten von Demenzen. Sie zeigte einen Zusammenhang zwischen Hörverlust und Demenzrisiko, umso ausgeprägter, je schwerer der Verlust war.
Dieser seither bestätigte Zusammenhang führte dazu, dass die internationale Kommission zur Demenzprävention den unkorrigierten Hörverlust unter ihre beeinflussbaren Risikofaktoren aufnahm. Mehrere Erklärungen werden diskutiert: die zusätzliche kognitive Last durch ein gestörtes Signal, die ärmere Anregung und der soziale Rückzug, der die Mühe beim Verfolgen eines Gesprächs oft begleitet.
Was die Studie gemessen hat
Die Untersuchung teilte knapp tausend ältere schwerhörige Menschen zufällig zwischen einer vollständigen Hörgeräteversorgung und einem Gesundheitsbildungsprogramm als Vergleich auf und begleitete ihre Kognition während drei Jahren.
Über alle Teilnehmenden hinweg wurde kein signifikanter Unterschied im kognitiven Abbau zwischen den beiden Gruppen beobachtet. Das ist das Hauptergebnis, und es ist negativ.
Die Studie umfasste jedoch zwei unterschiedlich rekrutierte Populationen. In der Untergruppe aus einer kardiovaskulären Forschungskohorte — ältere Menschen mit mehr Risikofaktoren, die rascher abbauten — war die Hörgeräteversorgung mit einer deutlichen Verringerung des kognitiven Abbaus über drei Jahre verbunden. In der anderen, gesünderen und kaum abbauenden Untergruppe war keine Wirkung nachweisbar.
Was in der Praxis bleibt
Die Studie erlaubt nicht die Aussage, ein Hörgerät schütze bei allen das Gedächtnis. Sie legt nahe, dass der Nutzen, falls es ihn gibt, sich bei den am stärksten gefährdeten Menschen konzentriert — genau bei jenen, die man am schlechtesten erkennt.
Der Entscheid für ein Hörgerät hängt allerdings nicht nur am Gedächtnis. Ein korrigiertes Gehör bedeutet ein Gespräch, dem man folgt, eine Türglocke, die man hört, eine Einladung, die man annimmt. Auch die soziale Isolation gehört zu den international benannten Risikofaktoren.
- Das Gehör ab 65 systematisch testen lassen, wie man die Augen testen lässt.
- Hinweise des Umfelds zur Fernsehlautstärke oder zu häufigem Nachfragen ernst nehmen.
- Mühe beim Verfolgen eines Gesprächs im Lärm melden: das ist oft das erste Zeichen, noch vor dem gemessenen Verlust in der Stille.
- Nicht mit dem Argument aufschieben, «es hat Zeit»: die Versorgung verlangt eine Eingewöhnung, die früher leichter fällt als später.
Häufige Fragen
Schützt ein Hörgerät das Gedächtnis?
Die 2023 veröffentlichte Studie zeigte über alle Teilnehmenden hinweg nach drei Jahren keinen Unterschied. Sie beobachtete hingegen eine deutliche Verringerung des kognitiven Abbaus in der ältesten und am stärksten gefährdeten Untergruppe. Der Nutzen scheint sich dort zu konzentrieren.
Warum zählt Hörverlust zu den Risikofaktoren?
Eine Kohortenstudie von 2011 zeigte einen Zusammenhang zwischen Hörverlust und Demenzrisiko, umso ausgeprägter, je schwerer der Verlust war. Die internationale Kommission zur Demenzprävention führt unkorrigierten Hörverlust seither unter den beeinflussbaren Faktoren.
Ab wann sollte man das Gehör testen lassen?
Ein systematischer Test ab 65 ist vernünftig, ebenso wie eine Augenkontrolle. Mühe beim Verfolgen eines Gesprächs im Lärm ist oft das erste Zeichen, noch bevor sich der Verlust in der Stille messen lässt.
Quellen
- Lin FR, Pike JR, Albert MS, et al. Hearing intervention versus health education control to reduce cognitive decline in older adults with hearing loss in the USA (ACHIEVE): a multicentre, randomised controlled trial. The Lancet. 2023;402(10404):786–797. doi:10.1016/S0140-6736(23)01406-X
- Lin FR, Metter EJ, O'Brien RJ, et al. Hearing loss and incident dementia. Archives of Neurology. 2011;68(2):214–220. doi:10.1001/archneurol.2010.362
- Livingston G, Huntley J, Liu KY, et al. Dementia prevention, intervention, and care: 2024 report of the Lancet standing Commission. The Lancet. 2024;404(10452):572–628. doi:10.1016/S0140-6736(24)01296-0
- Petersen RC, Lopez O, Armstrong MJ, et al. Practice guideline update summary: Mild cognitive impairment. Neurology. 2018;90(3):126–135. doi:10.1212/WNL.0000000000004826